Brasilien, seine Waffen und die Sportschützen

Wer im Zusammenhang mit dem Thema Waffen an Brasilien denkt, dem kommen innerhalb kürzester Zeit die Favellas und die in ihnen ausgelebte Kriminalität in den Sinn. Aber Brasilien ist keine Favella mit den Dimensionen von Europa, sondern ein Land welches mindestens genau so variantenreich wie Europa ist. Das gilt nicht nur für seine Natur und die unterschiedlichen Kulturen, sondern auch für seinen Umgang mit Waffen.

Grundsätzlich gilt, dass Waffen in Brasilien eher ein Teil der Gesellschaft sind, als dies in Europa der Fall wäre. Während sie in den Regionen großer Metropolen wie Rio de Janeiro, São Paulo, Recife, Porto Alegre und weiteren großen Städten Teil der Bedrohung und Bedrohungsabwehr sind werden sie in ländlicheren Regionen als selbstverständlicher Teil des Lebens empfunden. Dort mag das mit Machokultur zu tun haben, aber auch den Realitäten der Wildnis geschuldet sein.

In beiden vorgenannten Bereichen habe ich zum Glück bisher keine persönlichen Erfahrung machen müssen, kann aber bestätigen wie gefährlich Waffen in Brasilien werden können. Sitzt man morgens beim Frühstückskaffee im Hotel, so läuft dort der Fernseher mit den Morgennachrichten. In der Regel berichtet die Polizei von ihren Erfolgen oder kriminellen Gegebenheiten der letzten Zeit (letzten Nacht). Nicht selten werden auch Videoaufnahmen von Überwachungskameras mit Überfällen gezeigt.

Dabei überrascht den europäischen Besucher nicht nur der fehlende Schutz der Privatsphäre der vorgeführten Verdächtigen, sondern auch, dass die Verbrechen, insofern sie von Überwachungskameras aufgezeichnet wurden, ungeschnitten gezeigt werden. Dabei kann man beispielsweise beobachten wie sich ein Passant vor einem Supermarkt umdreht, auf einen PKW zugeht, als wolle er nach dem Weg fragen, unvermittelt seine Waffe zieht und den auf seine Frau wartenden Fahrer erschießt, nur um anschließend das Radio aus dem Auto zu stehlen.

Oder als ich anfangs bei einer Familie in einem nicht ganz so tollen Stadtteil von Porto Alegre wohnte, um portugiesisch zu lernen, hörte ich morgens eine Schießerei. Am Frühstückstisch sprach das Thema niemand an, so dass ich nach einiger Zeit fragte, ob noch jemand die Pistolenschüsse in der Nacht gehört habe. Die lapidare Antwort war, dass es Gewehre gewesen seien; das könne man am Klang hören. Damit war das Thema durch. Ich hingegen fragte mich, was wohl die dünnen Außenwände des Hauses mit ihren rund sechs Zentimetern aus gebrannten Hohlziegeln einem Querschläger entgegen gesetzt hätten – vermutlich nichts. Direkt an der Außenwand stand mein Bett. So langsam verstand ich auch warum die Familie in den hinteren – unattraktiveren – Zimmern des Hauses wohnte und die Zimmer zur Straße gerne den Hausgästen überließ.

Von solchen und ähnlichen Fällen hört man immer wieder und es gibt auch Leute, die behaupten, dass viel erzählt werde, die Welt aber doch nicht so sei. Dennoch muss besonders in größeren Städten vor Leichtsinn gewarnt und eine gewisse Vorsicht gewahrt werden. So halten beispielsweise Freunde von mir nachts nie vor einer roten Ampel, da dort das Risiko Opfer eines Überfalls zu werden enorm hoch sei. Vielerorts wird nachts an roten Ampeln nicht geblitzt, außer an besonders wichtigen und gefährlichen Kreuzungen. Dort halten die Freunde einige hundert Meter vor der Ampel und warten bis es grün wird, um gegebenenfalls schnell flüchten zu können. Auch mich hat eine gewisse Vorsicht bisher vor größerem Übel bewahrt. Santa Catarina wie auch Rio Grande do Sul gelten außerhalb der Großstädte als recht friedlich. Man kann sich dort frei bewegen ohne Angst haben zu müssen. Trotzdem kann man immer zur falschen Zeit am falschen Ort sein – auch in Deutschland.

Mangels einschlägiger Erfahrungen zu vorhergehenden Themen – was ich keineswegs bedaure – möchte ich mich nachfolgend einem Waffengebrauch in Brasilien zuwenden, zu dem ich mehr beitragen kann. Gerade im Süden Brasiliens prägen Jagd- und Schießsportvereine das kulturelle Leben. Zumeist handelt es sich jedoch nicht um Vereine die diese Aktivitäten ausschließlich betreiben. Normalerweise sind die Vereine im Süden Brasiliens kulturelle Treffpunkte, in denen unterschiedliche Arten der Freizeitgestaltung betrieben werden.

Je nach Größe der Vereine gestaltet sich auch deren Angebot. Haben die kleineren Vereine meistens einen Festsaal, eine Kegel- oder Bocchiabahn, ein paar Tische für das Kartenspiel und gelegentlich einen kleinen Schießstand, so Exif_JPEG_PICTUREkönnen größere Vereine über Infrastrukturen verfügen, die große Festhallen, Stadien, Golfplätze, Tennisplätze, Reithallen und Schwimmbecken mit Olympiamaßen einschließen können. Ungeachtet der Vereinsgröße verbringen die Vereinsmitglieder mit ihren Familienmitgliedern einen wesentlichen Teil ihrer Freizeit dort. Kindergeburtstage und Hochzeiten werden in den Vereinsräumen gefeiert oder man trifft sich wöchentlich zu Sport, Tanz oder Wettbewerben. Gutes Essen (oft Churrasco oder Kaffee Kolonial) ist dabei selbstverständlicher Bestandteil. Es ist auch kein Problem Mitglied mehrerer Vereine zu sein und dadurch ein größeres Angebot an Sportarten und Kontaktmöglichkeiten zu nutzen.

Was die Auswahl der Waffen und Schießstände angeht, so verfügen die meisten Vereine zumindest über einen Luftgewehrschießstand mit einer Distanz zur Scheibe von 10 Metern. Man spricht von „Ar comprimido“, also „gepresster Luft“. Auf diesen Ständen wird das Schießen mit Luftgewehr und Luftpistole praktiziert. Daneben besitzen auch viele Vereine Schießstände auf denen mit Kleinkalibermunition geschossen werden kann. Bei Kleinkalibergewehren spricht man von „Carabina“, also einem Karabiner.

Ein Problem für viele Vereine ist die Beschaffung von moderner Technik. Man bevorzugt Technik aus deutschen Quellen. Allerdings ist das Geschäft in Händen weniger Repräsentanten, die, um ihr Quasimonopol wissend, die lokalen Preise enorm in die Höhe treiben. Dabei geht es nicht alleine um Waffen und Munition, sondern auch um Schießscheiben, Standausrüstung, Auswertegeräte, Schießsportbekleidung, Ersatzteile, sowie alles um den Sport herum. Um auch Schießsportlern eine Chance zu geben, die sich keine moderne Technik leisten können praktiziert man vielerorts noch Wettkämpfe mit alten Luftgewehren, bei denen die Druckluft durch knicken des Gewehrs erzeugt wird. Die Präzision2015-06-18 Brasilianische Medaillen (1c) solcher Waffen liegt jedoch weit hinter der moderner Waffen, so dass die so erzielten Resultate mehr einem Glücksspiel, denn einem Hochleistungssport entsprechen. Die Konzentration lässt sich mit diesen Gewehren aber trotzdem trainieren.

Wettbewerbe gibt es viele und Sportschützen können an jedem Wochenende Preise gewinnen. Es gibt vereinsinterne Wettbewerbe und solche bei denen Schützen anderer Vereine eingeladen werden. Bei den vereinsübergreifenden Wettbewerben handelt es sich zumeist um Wettbewerbe, die für einen sportlichen Leistungsvergleich genutzt werden. Dachverband der Sportschützen in Brasilien ist die CBTE, die Confederação Brasileira de Tiro Esportivo (www.cbte.org.br). Die Vereinigung hat ihren Sitz in Rio de Janeiro und ist auch Mitglied des Brasilianischen Olympischen Komitees.

Die vereinsübergreifenden Wettbewerbe sind in verschiedene Klassen und Kategorien unterteilt. Damenmannschaften sind stark vertreten und erzielen Resultate, die sich nicht hinter jenen der Herren verstecken müssen. Alle Schützen treten in Einzel- und Mannschaftswertung an, insofern aus den 2015-06-18 Brasilianische Medaillen (3c)entsendenden Vereinen eine ausreichende Anzahl Schützen gemeldet wurde. Neben Medaillen und Urkunden locken weitere Preise, wie Bügeleisen, Schuhe, Toaster, Mikrowelle und sonstige Gegenstände für den Hausgebrauch, welche zumeist von örtlichen Geschäften gestiftet werden.

So animiert verweilen die meisten Schützen bei der Veranstaltung, deren Abschluss die Preisverleihung und Siegerehrung bildet. Zum Meinungsaustausch trifft man sich zwischendurch an der Theke – insbesondere um zu erklären, warum das Ergebnis heute nicht so gut ausgefallen ist, wie man es doch eigentlich erwarten sollte.

Die vereinsinternen Wettbewerbe dienen zumeist der Vorbereitung eigener Feste, zu denen Königinnen und Könige ermittelt werden. Die Regeln zur Ermittlung der Majestäten unterscheiden sich von Verein zu Verein. Mal kommt es auf den „besten Schuss“, also die zentrischste 10 (oder 12) an, mal zählt das beste Ergebnis aus drei (oder mehr) Schüssen. Es wird auf Wettkampfscheiben geschossen oder auf speziell entworfene Phantasiescheiben. In manchen Vereinen wird die Königin in einer Art Schönheitswettbewerb ermittelt, was sich bei den Herren aber nicht durchgesetzt hat. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt auch wenn ein Vogelschießen nach deutschem Muster noch nicht üblich ist.

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Den Königinnen werden zwei Prinzessinnen zur Seite gestellt, als erste und zweite Prinzessin. Diese sind meistens die jeweiligen Zweit- und Drittplatzierten. Ähnliches gibt es bei den Herren, wo die Zweit- und Drittplatzierten zu erstem und zweiten Ritter (Cavalheiro) werden. Einen Hofstaat, wie es ihn in vielen deutschen Vereinen gibt, bildet man in Brasilien nicht.

Neben den Festen der einzelnen Vereine veranstalten die Gemeinden zusammen mit den Vereinen des Ortes ein gemeinsames Fest, bei welchem alle Gruppierungen ihren Beitrag leisten. Das sind dann auch die Feste, die über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt werden, wie z.B. das Oktoberfest in Blumenau, das Entenfest in Brusque, das Schützenfest in Jaraguá do Sul, das Schlachtefest in São Bento do Sul, die Pomerana (Pommernfest) in Pomerode, um nur einige von ihnen zu nennen. Zu diesen Festen werden auch wieder Königinnen und Könige bestimmt, meistens aus den Reihen der Majestäten der teilnehmenden Vereine.

Veranstalten die Vereine selbst ihre Feste, so gehören Umzüge meistens nicht dazu, und falls doch, dann beschränken sie sich auf eine kleine Parade auf dem Vereinsgelände oder bestenfalls durch den eigenen Stadtteil. Anders bei den großen Festen der Orte. Da nehmen dann alle Vereine teil und schicken nicht nur ihre Schießsportabteilungen, sondern auch ihre Volkstänzer und anderen Abteilungen. In Blumenau beteiligen sich an dem Oktoberfest so viele Gruppierungen, dass diese auf die fünf Umzüge aufgeteilt werden müssen. Die meisten Gruppen dürfen nur an einem Umzug teilnehmen, weil es sonst den Rahmen sprengen würde.


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